Friedliche Vielfalt in Sarajevo

Friedenszeichen in Sarajevo

Spontan haben wir uns dazu entschieden, per Zug von Mostar nach Sarajevo zu fahren. Die Route soll landschaftlich ganz schön sein und günstiger (ca. 6 €) als der Bus (ca. 10 €) ist die Verbindung auch. Also steigen wir morgens um 6.45 Uhr in den modernen Zug nach Sarajevo. Das Zugticket kaufen wir direkt in der Bahnhofshalle am Schalter.

Zugfahrt mit Ausblick

Der Waggon fast leer und wir machen es uns gemütlich. Schon nach wenigen Minuten haben wir die Außenbezirke von Mostar hinter und gelassen; rechts und links erstreckt sich die Natur Bosnien-Herzegowinas. Die Strecke führt am Fluß Neretva entlang. Bis Sarajevo sind es gut zwei Stunden. Die Aussicht auf das Bergpanorama mit steilen Hängen und Bächen lässt uns die Fahrt noch mehr genießen.

Sarajevo-Derby

Der Grund für die spontane Weiterreise nach Sarajevo? Na klar, der geliebte Fußball. Als wir im Spielplan das Stadtderby sehen, ist die Entscheidung zur früheren Abreise aus Mostar schnell gefallen. Vor den Toren des Stadions ist die Polizeipräsenz enorm. Das wird wohl ein heißer Tanz. Drinnen werden wir vorerst eines besseren belehrt. Keine Heim-Ultras des FK Sarajevo 🙁 Dafür zeigen sich die Ultras von FK Zeljeznicar mit viel Pyro und Gesang.

Glaubensvielfalt in Sarajevo

Nicht ohne Grund wird Sarajevo auch „Jerusalem Europas“ genannt. Hier leben die vier Weltregionen seit Jahrhunderten friedlich miteinander. Im Umreis von 450m stehen eine Moschee, eine Synagoge, eine orthodoxe und eine katholische Kirche. Die gelebte Akzeptanz ist beeindruckend. Menschen aller Religionen und Klassen teilen sich die schmalen Gassen der Altstadt. Man klönt, trinkt zusammen türkischen Tee oder bosnischen Kaffee und genießt die Sonne. Die Toleranz dieser Stadt möchte man am liebsten einpacken und in anderen Teilen dieser Welt verteilen.

Architektonische Vielfalt in Sarajevo

Eine plakative Grenze unterteilt Sarajevo in den osmanischen Osten und den österreichisch-ungarischen Westen. Jedenfalls aus Architektur-Sicht. Die Altstadt mit seinen eingeschossigen Häusern mit Shops und Cafés ist mehr als 600 Jahre alt. Hier schlendern wir stundenlang und schauen dem Treiben zu. Verschleierte Frauen teilen sich die engen Gassen mit Touristen und Juden. Muslimische Herren treffen sich auf den Holzbänken der Cafés während herausgeputzte Teenager Eis essen. Abends werden die großen Fensterläden geschlossen und der Muezzin ertönt zum letzten Gebet des Tages.
Der Blick nach Westen geht in die Fußgängerzone mit großen, hübsch verzierten Gebäuden. Internationale Klamottenketten finden wir hier ebenso wie einen dm-Drogeriemarkt und Kneipen. Das moderne Leben hat Einzug nach Sarajevo erhalten, ohne dass man die historischen Wurzeln zu kurz kommen lässt. Selbst der schlimme Bosnien-Krieg hat nicht davon abgehalten, das Leben hierzu genießen.

Kriegsnarben

Fast haben wir den Eindruck, als möchte man die Kriegserinnerungen bewußt in den Hintergrund treten lassen und einfach so weiterleben, wie man es seit Jahrhunderten tut. Im Vergleich zu Mostar sehen wir in Sarajevo wesentlich weniger Kriegsruinen, was wahrscheinlich daran liegt, dass Sarajevo als Hauptstadt mehr Gelder zum Wiederaufbau zur Verfügung hat. Die mit Einschusslöchern übersäten Fassaden lassen uns dennoch erschaudern. 1.425 Tage war Sarajevo belagert… An den Orten, an denen Passanten durch Granaten getötet wurden, hat man den Asphalt nicht neu gemacht. Stattdessen sieht man hier noch den zerstörten Belag und roter Farbanstrich erinnert an die Tat. Die Stadtführung mit Enes von der Agentur BiH Spirit bringt uns viele Kriegsgeschichten näher. Die Tour ist kostenlos – nicht verpassen, wenn ihr in Sarajevo seid.

Vielfalt am Stadtrand Sarajevos

Die Stadt liegt umringt von Bergen in einer Art Kessel. Sobald man das Stadtzentrum verlässt, heißt es „bergauf“.  Die Straßen sind teilweise so steil, dass wir uns fragen, wie man dort noch mit einem Auto hinauffahren kann. Auch der Weg hoch zu unser Unterkunft mit 17kg auf dem Rücken ist Sport… Wenn man dann aber erstmal oben ist, genießt man den Blick auf die grüne Umgebung der Stadt. Wir nutzen das sonnige Wetter, um hinauf zur Bobbahn der olympischen Spiele von 1984 zu gehen. Seit 10 Tagen fährt auch die Seilbahn wieder, die im Bosnien-Krieg zerstört worden war. Wir entscheiden uns aber für die sportlichere Option. Unser Weg führt uns mehr oder weniger kreuz und quer durch das Wohngebiet immer weiter bergauf. Über unseren Köpfen fahren die Seilbahn-Gondeln und unter uns liegt Sarajevo mit seinen unzähligen Moscheen. Am Hang oberhalb der Stadt stehen ein paar nette Häuschen mit Garten und Blumenbeeten. Wenn man erst einmal oben ist, wohnt es sich hier sicherlich ganz nett. Unser Anstieg geht weiter, das Herz arbeitet.

Nach ca. 45 Minuten hört der Asphalt auf und wir finden uns auf einer Mischung aus Trampelpfad und Flussbett wieder. Zwischen Obstbäumen und Wildblumen geht es über große und kleine Steine bergauf. Die Sonne strahlt. Weitere 30 Minuten später erblicken wir das Ziel unserer Anstrengungen. Tatsächlich, die Bobbahn! Jedenfalls das, was seit 1984 erhalten ist. In der Betonbahn kann man weiter hinauf gehen. Viele Bereiche sind mit Graffiti besprüht. Es riecht nach Kiefernnadeln. Die Hektik der Stadt ist vergessen. Mitten in der Natur gehen wir durch die teilweise bemooste Bahn. Was für ein tolles Erlebnis. Nur die Vorstellung, dass man hier auf Schnee und Eis wirklich um tausendstel Sekunden gekämpft hat, ist etwas schwer. Oben wartet neben der Seilbahnstation, die noch eine halbe Baustelle ist, der finale Blick auf das Tal von Sarajevo mit dem Fluß Miljacka, den engen Straßen und das Bergpanorama. Ja, es hat sich gelohnt. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, was uns beim Abstieg erwartet…

Abstieg mit Hindernissen

Da es an der Seilbahnstation bislang weder ein WC noch ein Café gibt, geht es nach einer kurzen Pause (mit dem besten Bürek der Stadt) wieder zurück in die Stadt. Nun finden wir sicherlich auch schnell den direkten Weg, da die Orientierung einfacher ist. Schon bald sind wir wieder zurück auf dem Trampelpfad. Außer uns ist hier heute niemand unterwegs. Der Weg ist wirklich steil. Wir wissen gar nicht, wie wir es überhaupt hier noch geschafft haben. Die losen Steine auf dem Pfad sind rutschig und wackelig. Ein paar Mal finden wir uns fast auf dem Hosenboden wieder. Wow, bergab ist eben doch schwieriger. Wir sind froh als wir festen Alphalt unter der Füßen haben. Aber auch diese steilen Straßen bergab zu gehen, ist eine echte Herausforderung. Ziemlich erschöpft trinken wir einen Belohnungstee unten in der Altstadt. Bei aller Anstrengung hat es sich aber gelohnt. In der Natur unterwegs zu sein und sich ein wenig herauszufordern, bleibt uns oft am längsten in schöner Erinnerung.

Was bleibt?

Nach fünf Tagen ist es Zeit, Sarajevo zu verlassen. Eine Stadt, die uns in kurzer Zeit ans Herz gewachsen ist. Nicht unbedingt wegen seiner Schönheit. Sondern einfach wegen seiner Vielfalt. Dieser Mix aus Religion und Architektur, aus Moderne und Geschichte. Diese Toleranz und Lebensfreude der Menschen, die mit wenig zufrieden sind. Kaum haben wir bislang eine Stadt erlebt, in der die unterschiedlichsten Menschen unterwegs sind, ohne, dass jemand komisch angeschaut wird. Auch wir können hier schlendern, ohne aufzufallen. Es tut gut, nicht sofort als Tourist aufzufallen. Danke, Sarajevo. Es hat Spaß gemacht mit dir.


Restaurants
Auch in Sarajevo wird viel Cevapi angeboten. Zwei Restaurants haben wir getestet: Ćevabdžinica Mrkva und Ćevabdžinica Hodžić. Beide bieten super Qualität. Sicherlich sind die anderen Läden aber auch nicht schlecht. In den Altstadtgassen gibt es viele Optionen. Wer Bürek mag, dem sei dieser kleine Laden gegenüber des Wochenmarkts empfohlen – oder dieser hier: Buregdžinica Bosna. Die Variante mit Käse ist klasse. Auf dem Markt sind Selbstversorger gut aufgehoben. Eine Chilischote und eine Knoblauchknolle haben wir dort sogar geschenkt bekommen, da die Waage das kleine Gewicht nicht wuppen konnte 🙂


Unterkunft
Wir haben das Hostel Residence* direkt in der Fußgängerzone für eine Nacht gebucht. Das Zimmer ist sehr groß allerdings in einer recht lauten Straße. Bei einem Preis von ca. 16 € für eine Nacht kann man aber nicht viel sagen. Außerdem haben wir im Verde Apartment* gewohnt. Das Studio ist nicht optimal gelegen; von der Altstadt sind es 15 Minuten fast stetig bergauf. Dafür ist es sehr gemütlich eingerichtet und die Eigentümer geben sich sehr viel Mühe. Für einen längeren Stopp empfiehlt sich die Unterkunft mit Waschmaschine und Küchenzeile.


Reisevorbereitung & unterwegs vor Ort
Zur Vorbereitung auf unsere Reise und als ständiger Reisebegleiter hat sich der Lonely Planet Eastern Europe auf englisch bewährt. Der Reiseführer ist ideal für einen schnellen Überblick über den Balkan, Bahn- und Bus-Verbindungen von A nach B und für Sightseeing-Tipps.
Hier gibt es den Lonely Planet*


Keine Lust zum Lesen?

Das Video zur Reise seht ihr hier:


Social Media
Ihr wollt live dabei sein, wenn wir unterwegs sind?
Ihr wollt noch mehr Fotos, Videos und Stories aus fernen Ländern erleben?
Ihr wollt Tipps zu Ländern und zur Welt des Reisens?
Dann folgt uns auf FacebookInstagramYouTube und Twitter.


5 Kommentare zu “Friedliche Vielfalt in Sarajevo

  1. Vielfalt, trifft es in Sarajevo sehr gut! Ich habe die Stadt aufgrund dessen ziemlich ins Herz geschlossen. Unglaublich auch, wie selbstverständlich die Religionen von außen miteinander leben.
    Toller Bericht!
    LG Sonja

    • Vielen Dank für deine Rückmeldung!

    • Ja. Die Toleranz der Stadt ist einfach toll.

  2. Pingback: Amman (Jordanien) | Reiseblog Expedition Lieblingsorte

  3. Pingback: Eremitage - ohne Schlange stehen | Reiseblog Expedition Lieblingsorte

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

%d Bloggern gefällt das: