Sprachlos in Havanna

Oldtimer auf Kuba

„Welcome to Cuba“ werden wir bereits bei der Passkontrolle begrüßt. Was für ein Start für unsere vierwöchige Tour durch das Land, in dem die Uhren irgendwann zwischen 1950 und 1989 stehen geblieben sind. Als wir dann auch noch mit einem Chevrolet Baujahr 1952 vom Flughafen nach Havanna fahren, ist uns bereits klar, dass diese Reise unvergesslich sein wird.

Havanna und seine Autos

Das erste Klischee Kubas wird auch bereits am ersten Tag erfüllt. Oldtimer aus vergangenen Glanzzeiten und Ladas der UdSSR-Hochzeit rollen mehr oder weniger intakt durch die Gassen Havannas. Viele Oldtimer sind in bestem Zustand und blank poliert. Die meisten dienen als Taxen für Touristen. Beim Anblick dieser Schlitten fühlen wir uns wie in einer Zeitmaschine, die uns zurück in die 1950er-Jahre katapultiert hat. Die Ladas dagegen haben zumeist wirklich schon bessere Zeiten erlebt und klappern mit provisorisch befestigen Seitenspiegeln und ohne Auspuff durch die Altstadt.


Zerfallene Häuser und Sprachlosigkeit

Während wir so durch die große Altstadt bummeln, blicken wir fassungslos und sprachlos auf die zahlreichen verfallenen Hauseingänge. Marode Fensterläden geben den Blick frei in karge Wohnräume, die als Wohn- und Schlafzimmer gleichzeitig dienen. In den renovierungsbedürftigen Treppenhäusern spielen Kinder während Holzbalken die alten Balkone stützen.

Es ist frustrierend zu sehen, wie die einst prächtigen Bauten – alle samt Kolonialbauten – fast gänzlich verfallen. Obdachlose sitzen am Straßenrand und hoffen auf eine kleine Spende. In schmuddeligen Innenhöfen hängt die Wäsche zum Trocknen. Einige Häuser sehen kaum noch bewohnbar aus.

Sprachlos blicken wir auf die Armut dieses Landes, die uns hier an jeder Ecke vor Augen geführt wird. Schade. Wirklich schade. Es fehlt das Geld, um den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen und erst recht fehlt das Geld, um dieses Architekturerbe zu erhalten. Denn Havannas Altstadt besteht einzig und allein als Kolonialhäusern, die einst einfach nur traumhaft anzusehen waren.


Kolonialhäuser wie aus dem Bilderbuch

Dutzende Straßen sind gesäumt mit den prachtvollen Fassaden, Säulen und Verzierungen. Ein Erbe aus längst vergangene, glorreicher Zeit, als Kuba noch Geld mit Zuckerrohr verdiente. Restaurierte pastellfarbene Fassaden glänzen an den weiten Plätzen der Altstadt. Atemberaubende Architektur, die leider nur sehr partiell erhalten werden kann. Aufwendig gestaltete Fassaden mit Figuren, Formen und Säulen verlangen eine umfangreiche Restaurierung für die an vielen Ecken das Geld fehlt. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Lage Kubas bald verbessert, bevor das Kolonial-Erbe nicht mehr zu retten ist.


Sonntags auf dem Malecón

Um dem Trubel in der engen Altstadt etwas zu entfliehen und die Gedanken nach den vielen Eindrücken unserer ersten Tage auf Kuba zu sortieren, gehen wir zum Malecón am Nordrand der Altstadt. Der Wind saust über die niedrige Steinmauer und die ein oder andere Welle schwappt hinüber und erwischt ahnungslose Passanten mit einer Abkühlung. In der Ferne geht langsam die Sonne unter und taucht die Skyline am Horizont in verzaubertes Licht.


Es mangelt an vielem… Supermärkte und Co.

Bevor wir auf Kuba ankamen, hatten wir gehört, dass es „an vielem mangelt“. Was das aber genau heißt, wird uns erst klar als wir am ersten Tag in Havanna unterwegs sind. Es gibt kaum Geschäfte und Supermärkte. Unsere Gastgeberin nennt uns als „Supermarkt“ einen kleinen Kiosk, der Zigaretten und Alkohol im Angebot hat – und ein paar Flaschen Wasser. Unter „Supermarkt“ hatten wir uns eigentlich etwas anderes vorgestellt. Ok, eine ganz neue Erfahrung, auf die wir uns erst einmal einstellen müssen. In den wenigen Geschäften, an denen wir vorbeilaufen, sind die meisten Regale leer. Oft gibt es nur eine Sorte Saft, eine Sorte Tomatenmark, Konserven, Limonade und Kekse oder Schokolade ausländischer Marken. Die Preise sind extrem hoch. Eine Tafel Ritter Sport kostet zum Beispiel 3,30€. Ein Liter Apfelsaft aus Frankreich 2,80€. 500 Gramm Nudeln mehr als 2,50€. Verständlich, dass die Läden ziemlich leer sind, da sich nur wenige diese Güter leisten können.

Nur ein Regal ist immer voll, das Rum-Regal. Havanna Club, DIE Marke des Landes, ist überall zu bekommen. Wirklich unglaublich. Grundnahrungsmittel wie Reis oder auch Wasser sind schwer zu bekommen, beziehungsweise kaum bezahlbar, während Rum an jeder Ecke 50% günstiger als in Deutschland zu erstehen ist. Wenn sich der Tag dem Ende entgegen neigt, sieht man die Kubaner im Park und Wohnzimmer neben ihrer Rumflasche sitzen. Was sich nach „typisch Kuba“ anhört, ist eigentlich ziemlich schockierend. Es mangelt an Lebensmitteln und Grundversorgung, aber nicht an Havanna Club.

Alkohol-Regal auf Kuba
Umfangreiches Alkohol-Angebot

Auch Geschäfte, die Elektrogeräte verkaufen, haben eine sehr spärliche Auswahl. Oft gibt es nur ein Modell und das Schaufenster ist karg dekoriert. Für unsere konsumverwöhnten Augen ist auch das Neuland. Häufig bleiben wir vor einem Laden sehen und müssen erst einmal begreifen, was wir sehen. Hinter einer Glasvitrine liegen dort eine Packung Kekse der französischen Marke Auchan, eine Packung Nestlé-Schokolade und eine offene Packung Fruchtbonbons. In Kartons hinter dem Tresen steht der Nachschub. Wer es sich leisten kann, kauft eine Packung Schokolade. Wer weniger Geld zur Verfügung hat, lediglich drei bis fünf Bonbons. Auf der anderen Seite des Ladenraums ist eine weitere Vitrine in der Rum steht. Das Regal dahinter ist prall gefüllt. Na klar.

Vor den Drogerien steht man Schlange. Nicht mehr als fünf Kunden dürfen zur selben Zeit in den Laden – wahrscheinlich, um Diebstahl zu vermeiden. Als wir den Laden betreten, um Zahnpasta zu kaufen, wieder das bekannte Bild. Es gibt drei Sorten Waschpulver, drei Sorten Spülmittel, drei Sorten Scheuermilch. Die (teuren) Produkte sind hinter einer Vitrine verschlossen, so auch die gesuchte Zahncreme.

Am Straßenrand und in Hauseingängen haben Nachbarn Verkaufstische aufgestellt. Dort werden neben der eigenen Gemüse- oder Obsternte auch Limonade und Zigaretten verkauft. Nur einmal kaufen wir uns Bananen. Ehrlicherweise ist die Qualität so schlecht und die Früchte bereits so braun, dass wir ein zweites Mal darauf verzichten.

Vor einem Geschäft haben sich einiges Tages lange Schlangen gebildet. Eigentlich kein neuer Anblick für uns, da man für das alles in Havanna Schlange stehen muss. Hier ist nun aber besonders viel Betrieb. Als wir in den Laden schauen, sehen wir nur leere Regale… Komisch… Doch in einer Ecke sehen wir das Objekt der Begierde. Eine Palette Kuba-Cola. Frauen und Männer drängen sich um die Ware und hoffen, eine Flasche des (wohl) selten verfügbaren Getränkes zu bekommen.
Gedanken- und Gefühlschaos beim Anblick dieser Szene. Soll man schockiert sein, weil Kuba-Cola so begehrt ist? Soll man weinen, weil Rum dagegen immer erhältlich ist? Soll man sich freuen, dass die Kubaner immerhin manchmal Cola trinken können? Fragen auf die wir keine Antwort haben.

Apropos, Schlange stehen. Auch für den Kauf einer Internetkarte wird angestanden. Wer nicht weiß, wo die Karten verkauft werden, orientiert sich einfach an den Schlangen. Wir stehen dann doch nur etwa 20 Minuten an und dürfen pro Person gleich drei Karten kaufen. Jede Karte gewährt 60 Minuten Internetzugang und kostet umgerechnet etwa einen Euro. Um das Internet zu nutzen, braucht man erst eine WLAN-Verbindung. Im zweiten Schritt verbindet man sich dann mit den Anmeldedaten der gekauften Internetkarte. In den öffentlichen Parks gibt es oft schnelle und zuverlässige Hotspots.


Alltag in Havanna

Den Kubanern wird übrigens nachgesagt, dass sie sehr kreativ sind – zu recht. Wegen der vielen Unwägbarkeiten und Herausforderungen, mit denen man im Alltag konfrontiert ist, erfindet man neue Geschäftszweige, Einnahmequellen und Jobs, um sich über Wasser zu halten.

Die engen Wohnungen in Havannas Altstadt werden so zu Kunstgalerien. Selbst in den schmalen Treppenaufgängen und Hinterhöfen hängen Kunstwerke zum Verkauf an der Wand. Andere nutzen das Treppenhaus, um einen Souvenirshop zu eröffnen. An Fensterläden und Treppengeländern hängen Andenken und warten auf Kundschaft.
Anderswo ist das Wohnzimmerfenster zur Straße hin geöffnet und drinnen steht ein Klapptisch aus Holz auf dem Ananas oder Bananen angeboten werden. Beim Nachbarn nebenan steht der Verkaufstisch direkt neben dem Sofa. Es gibt Zigaretten, Limonade und Kaugummis.

Ananas im Wohnzimmer
Ananas-Verkauf im Wohnzimmer

Wer keine Ware verkauft, bietet Dienstleistungen an. Seit 2012 ist es auf Kuba erlaubt, Dienstleistungen als Selbstständiger anzubieten. So sind innerhalb kürzester Zeit Frisöre, Barber und Werkstätten aus dem Boden gesprossen. In einem Hauseingang steht im dunklen Treppenhaus ein Maniküre-Tisch. Auf wenigen Quadratmetern lassen sich die Nachbarinnen hier ihre Nägel pflegen und lackieren.

Ja, die Kubaner sind einfallsreich und kreativ.


Havanna bei Nacht

Havanna beschäftigt uns. Kuba beschäftigt uns. Stundenlang sitzen wir abends auf einem der schön beleuchteten Plätze und lassen die Gedanken kreisen. Versuchen, dieses Land zu verstehen. Versuchen zu begreifen, was wir hier täglich sehen. Viele „warum’s“ stehen im Raum während wir den guten Espresso im Café El Escorial auf der Plaza Vieja genießen. Und wenn die Gedanken dann ein wenig zur Ruhe gekommen sind, dann schlendern wir durch die leeren Kopfsteinpflastergassen, bestaunen die beleuchteten Kolonial-Fassaden und vergessen die vielen Fragezeichen für einen Moment. Bei Nacht ist Havanna ausgestorben. Die Touristen haben sich in ihre Hotels mit Frühstücksbüffet, Pool und Bar zurückgezogen. Die Kubaner sitzen im Schaukelstuhl in ihren kleinen Wohnzimmern, haben Nachbarn zu Besuch und schauen gemeinsam fern – bei einer Flasche Havanna Club.


Havanna – die Stadt der Kontraste und Gegensätze

Ja, die Kontraste und Gegensätze Havannas machen uns wirklich zu schaffen. Diese liebenswerte Stadt, die man sich von Herzen restauriert wünscht, ist so fremd und so gewöhnungsbedürftig. Einmal spricht uns eine Mutter mit ihrem kleinen Kind an und fragt, ob wir ihr unsere Wasserflasche schenken. Verstört gehen wir weiter während auf der anderen Straßenseite ein auf Hochglanz polierter Oldtimer, Touristen durch die Stadt kutschiert.

Kreuzfahrer bummeln an vergitterten Fenstern vorbei, hinter denen der Stolz der Familie, der neue Fernseher, läuft und der Herr des Hauses Oberkörper frei im Schaukelstuhl schläft. Es ist dieses verschlafene, verträumte Havanna, das Touristen täglich fesselt. Dieses Straßenbild wie 1960 als die Oldtimer noch neu waren und Ladas noch nicht produziert wurden. Doch Havanna ist auch bemitleidenswert und schaurig.
Hoffnungslos überfüllte Busse verpesten die Straßen und teilen sie sich mit besagten pink- und blaufarbenen Schlitten aus vergangener Zeit. Die Ladas fahren ohne Katalysator und ohne Anschnallgurte, Touristen posieren vor diesen Erbstücken für das perfekte Selfie.

Ein stetiges Auf- und Ab der Gedanken und Gefühle begleitet uns durch die Kontraste dieser einmaligen Stadt.

Was bleibt?

Oh, Havanna. Sollten wir lachen, ob dieser wundervollen Straßenzüge oder weinen, ob des fehlenden Geldes für Restaurationen? Sollen wir lachen, ob der hübschen, ruhigen Plätze oder weinen, ob der unzureichenden Wohnsituationen der herzlichen Kubaner? Sollen wir lachen, ob der prachtvollen Oldtimer oder weinen, ob der stinkenden Ladas? Sollen wir lachen, ob der günstigen Rum-Preise oder weinen, ob der fehlenden Grundnahrungsmittel?

Selten hat uns eine Stadt so gefesselt und so viele Gefühle ausgelöst wie Havanna. Wie eine Prinzessin im Dornröschenschlaf wirkt die Stadt, deren Kolonialhäuser seines gleichen suchen. Doch die Prinzessin hat ihre Hausaufgaben vor dem Schlaf nicht gut gemacht und droht an den vielen Aufgaben zu ersticken, wenn sie eines Tages wieder aufwacht.

Hotel Palacio Cueto in Havanna
Hotel Palacio Cueto (aktuell Baustelle)

Unterkunft

In der Altstadt gibt es viele Angebote, die man über airbnb* buchen kann. Privatzimmer haben oft ein eigenes Badezimmer und für etwa 5 Euro pro Person bekommt man vom Gastgeber ein leckeres, umfangreiches Frühstück serviert.


Restaurants

Restaurante Antojos – hübsche Deko, ruhige Lage, sehr leckerer Fisch
Oh Habana – kleiner Laden mit leckerer Küche und sagenhaften Preisen, keine Touristen
Café El Escorial – zu jeder Tageszeit schmeckt der Espresso beim Blick über die Plaza Vieja


Reiseplanung & unterwegs vor Ort

In Havanna gibt es keinen öffentlichen Nahverkehr, der wirklich empfehlenswert ist. Die Busse sind oft sehr voll. Stattdessen bekommt man an jeder Ecke ein Taxi, wobei die Preise wirklich knackig sind. Da die Stadt allerdings sehr weitläufig ist, ist ein Taxi oder Fahrradtaxi manchmal unerlässlich.
Vom Flughafen in die Altstadt zahlt man etwa 30 Euro für ein Taxi.

Zur Vorbereitung auf unsere Reise und als ständiger Reisebegleiter hat sich das deutschsprachige Buch Lonely Planet Reiseführer Kuba* bewährt. Der Reiseführer liefert für einen schnellen Überblick über das Land, Informationen zu den verschiedenen Städten, Sightseeing-Tipps und vieles mehr.


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2 Kommentare zu “Sprachlos in Havanna

  1. Pingback: Santiago de Cuba (Kuba) | Reiseblog Expedition Lieblingsorte

  2. Grosses Kompliment zu diesem einfühlsamen Havanna-Bericht! Er unterscheidet sich wohltuend von den üblichen Floskeln über die Stadt. Sehr gut beobachtet und mit qualitativen Fotos untermalt. Die Begegnung mit den herzlichen Menschen ist in Wort und Bild etwas kurz gekommen.
    Doch die Magie der Stadt ist wunderbar beschrieben. Muchas gracias!

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